SLAM 2014 diskutiert: Poetry Slam im deutschsprachigen Raum – Teil 5: Lars Ruppel

Ein großer Aufschrei ging durch die Slam-Szene, als kurz vor den Meisterschaften 2012 ein Artikel auftauchte, der für viel Unmut sorgte.Damals erklärte Boris Preckwitz in der Süddeutschen, warum Poetry Slams aus seiner Sicht längst zum publikumsaffinen Mainstreamevent geworden sind.

 

Viel wurde darüber diskutiert, doch leider niemals öffentlich. Um genau dies zu ermöglichen, haben wir Boris Preckwitz gefragt, ob er uns eine aktualisierte Sicht auf die deutschsprachige Poetry Slam-Szene geben würde, der im Anschluss eine Diskussion durch bekannte Slammer/-innen und Autor/-innen folgen soll. Vom 20. bis 24. Oktober, d.h. genau eine Woche vor dem SLAM 2014 erscheint deshalb jetzt unsere kleine Diskussionsreihe zum Thema Poetry Slam.

 

Wir bedanken uns schon vorab für die tollen Beiträge von Sebastian 23, Lino Wirag, Hazel Brugger, Lars Ruppel.
Wir beenden unsere Reihe mit Teil 5 von Lars Ruppel:

 

Die groben Unterschiede

 

Im ehemaligen Zimmer meines Freundes Sebastian 23 hing über dem Schreibtisch ein Zettel auf dem stand (sinngemäß): „Vielwisserei schützt nicht vor Dummheit“. Immer, wenn mir Menschen oder Texte begegnen, die sich schmücken mit Wissen und Namen und Zitaten und Würden und Latein, dann denke ich an dieses Zitat und fühle mich gleich weniger eingeschüchtert. Tatsächlich musste ich mich beim Lesen von Boris’ Text an dieses Zitat erinnern und zunächst den intellektuellen Zierrat und auch die Dresdenwerbung beiseite räumen, um dessen Substanz zu erkennen, die, wie Sebastian schon feststellte, gering ist. Allein: Ich am Ende einer Diskussion? Geführt von so klugen Köpfen? Nachdem alles gesagt wurde? Wo ich doch kaum eine Katzenvideolänge Konzentration aufbringen kann, um mir die anderen Beiträge durchzulesen? Nun, vielleicht liefert mir dieses Halbwissen die nötige Basis um im Preckwitzschen Ton zurückzupampen.

 

Boris! Eigentlich könnten wir uns gemeinsam wie Omas an Dorfstraßen aus dem Fenster lehnen und die vorbeilaufenden Jugendlichen beschimpfen. Auch ich finde viele Entwicklungen des Poetry Slams bedenklich und die Scheu der Szene vor kritischer Reflexion, die über das Stammtischgelaber in der szeneeigenen Facebookgruppe hinausgeht, schwach. Umso dankbarer bin ich dem SLAM 2014 Team, dass es diese Diskussion hier möglich gemacht hat. Dresden, als eine Stadt mit so großer literarischer Geschichte, die durch die Stadtschreiberschaft von Boris Preckwitz ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat, bietet eine passende Kulisse für die eben mal von Boris gestellte Schicksalsfrage eines grade mal 30 Jahre alten Veranstaltungsformats (ich sage nicht Kultur, auch nicht Kunstform).

 

Ich weiß ja selber nicht, wohin diese Reise geht. Deswegen bin ich froh um jeden Weckruf und jeden, der mal auf den Tisch haut und die gemütlich Speisenden kurz daran erinnert, woher das Essen kommt und woher er in Zukunft kommen soll. Aber ob du es sein musst, Boris? Ich glaube kaum.

 

Falls du beim nächsten Geplauder am Stehtisch beim nächsten Empfang im Rahmen deines nächsten Stipendiums gegenüber dem Leiter der Stiftung der Vogtländer Kreissparkassen zwischen zwei Schlücken gutem Wein salonfähige Slamkritik aus erster Hand in die Jackettasche schmeicheln willst: Echte Probleme des Poetry Slams sind meiner Meinung nach die oben angesprochene Scheu vor Selbstkritik, der Testosteronspiegel in Backstageräumen und der damit verbundene geringe Anteil von Frauen auf der Bühne sowie die Fassade aus Liebe und Einhörnerblabla, hinter der sich vollkommen natürliche und wichtige Streitigkeiten verstecken und vergrößern.

 

Doch ich versprach zurückzupampen und das will ich gerne tun. Deinen Beinreflex erkläre ich mir durch Angst, denn du und alle anderen, die Beachtenswertes mit der Schwanenfeder auf Bütten bei Vollmond dichten, ihr habt die Signale wahrscheinlich längst gehört:

 

  1. Die Slam Szene hat das Kabarett überrannt und ohne große Gegenwehr eingenommen. Die alten Herren verschanzen sich in den öffentlich-rechtlichen Bastionen und imitieren wehmütig Politiker aus einer Zeit, als es noch imitierungswürdige PolitikerInnen gab. Derweil heimsen Till Reiners, Moritz Neumeier, Das Lumpenpack und Jasper Diedrichsen, Tilman Birr und Sebastian 23 einen Preis nach dem anderen ein.
  2. Die Slammer haben sich an die größeren Verlage rangemacht. Paul Bokowski, Sebastian 23, Tobi Katze, Christian Ritter, Anselm Neft, Marc-Uwe Kling, Bente Varlemann, Bleu Broode, Julian Heun, Volker Surmann, Patrick Salmen, Torsten Sträter… die Verlage schauen nicht mehr grundsätzlich weg, wenn einer „Poetry Slam“ in seiner Bio stehen hat. Ganz im Gegenteil.
  3. Die Slammer machen Kurs auf die Fernsehsendezeiten. Lara Stoll, Gabriel Vetter, Julius Fischer und Torsten Sträter sind nur schon mal vorgegangen.
  4. Die Slam Szene schafft Neues: Die Literaturzeitschriften Exot, Punchline, DUM; die Textbox, Weckworte, das Dead or Alive Format, Voland & Quist, Lektora, Satyr, Song Slams, die U20-Förderung und alle didaktischen Errungenschaften durch Petra Anders, ein hocheffizientes Buchungsnetzwerk, Running Mics, Deaf Slam, das Augmented Reality Buch von Felix Kaden und andere neue Buchformate, Poetry Clips, der FK Interslam 09, 1000 neue Slam Formate… Beachtenswertes steht in diesem Jahrhundert nicht unbedingt auf Buchseiten.
  5. Und am wichtigsten: Die Slam Szene hat sehr wohl Beachtenswertes geschaffen, das bereits beachtet wird und noch mehr beachtet werden wird. Keine Ahnung, wieso du das noch nicht mitbekommen hast oder das nicht anerkennen willst. SlammerInnen stehen in Schulbüchern oder sie schreiben sie gleich selbst; Sie sind auf internationalen Lyrik und Literaturtagen; Sie reisen für das Goethe-Institut und werden für Literaturpreise nominiert; Sie heißen Bas Böttcher, Nora Gomringer, Timo Brunke, Finn Ole-Heinrich, Franziska Holzheimer, Jason Bartsch, Dorian Steinhoff, Josefine Berkholz, Lydia Daher, Xochil A. Schütz, Dalibor; Sie werden in den großen Zeitungen besprochen. Sie kriegen Stipendien und Applaus. Das tun sie alles ohne den Style der alten Garde zu imitieren. Sie werden vielmehr für ihre anarchistische, unprätentiöse Art geschätzt und gefürchtet.
  6.  

    Die Angst ist also gerechtfertigt, denn auch der Kultursektor gehorcht marktwirtschaftlichen Prinzipien und auch Dichtern knurrt der Magen: Es gibt Produzenten und Kunden, die die Produkte kaufen. Es gibt ein Budget von dem die Honorare der KünstlerInnen bezahlt werden und davon kaufen sie sich dann Döner. Die immense Raumforderung der Poetry Slam Szene macht dadurch zwei eigentlich befreundete Produzenten unweigerlich zu Konkurrenten. Da sich aber die staatlichen Subventionen der deutschen Kulturlandschaft wohl nur mit denen der Atomindustrie vergleichen lassen und deren ungerechte Verteilung nur mit der des trinkbaren Wassers auf der Erde, wähnt sich ein bornierter Kreis aus Bohème und intellektueller Elite in der Position, uns vom Elfenbeinturm hinab aufs Haupt zu schimpfen, während sie sich gegenseitig, wie in einer Satire ihrer selbst, die Literaturpreise zuschieben.

     

    Alle anderen müssen sehen wo sie bleiben und es gelingt ihnen selten so gut wie den Slam-Poeten. Die meisten Musiker, Schauspieler und Kleinkünstler können von den Einkünften vieler Slammer nur träumen. Obschon ich für staatliche Subventionen und gegen die Bewertung von Kunst nach ihrem marktwirtschaftlichen Wert bin, drängt sich mir jedoch unweigerlich die Frage auf, warum die „unkritische Masse“ gerade jene unterstützen muss, die sich in den Literaturhäusern und Stadtschreiberwohnungen und in Diskussionsbeiträgen wie deinen so sehr von eben jener Gemeinschaft abzugrenzen versuchen.

     

    Ich würde einfach gerne verstehen, woher der Hass auf die Slam Szene kommt. Was mich an den Preckwitzschen Ausführungen aber wirklich stört, ist der Ton, der nach Revolution von oben klingt, nach Klassenkampf für Akademiker, nach intellektuellem Darwinismus. Als einer von vielen Workshopleitern, die morgens um 08:00 Uhr vor einer Hauptschulklasse mit der disneyesk-verträumten Annahme stehen, sie könnten auch nur einen Jugendlichen entRTL2en, muss ich dir, lieber Boris, sagen: lieber kitschig, verschult, unintellektuell, albern, von der Literaturwissenschaft gemobbt, unmaßgeblich und unbeachtenswert, als Teil der sozialen Schere, der Elitisierung der Gesellschaft und des kommenden ernst zu nehmenden Konfliktes zwischen denen, die Zutritt zu Schlössern haben und denen, die sich die Klassenfahrt dorthin nicht leisten können oder gar nicht erst dorthin eingeladen werden.

     

Lars Ruppel ist einer der bekanntesten Slam Poeten des deutschsprachigen Raumes. Er ist Initator des Weckworte-Projekts, Workshopleiter und Gewinner zahlreicher Poetry-Slam-Meisterschaften, zuletzt des Slam 2013 im Team-Wettbewerb sowie des Vize-Meistertitels im Einzel. Sein aktueller Gedichtband trägt den Titel “Holger, die Waldfee”. Er lebt in Berlin.

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Gepostet am
Von André Herrmann