SLAM 2014 diskutiert: Poetry Slam im deutschsprachigen Raum – Teil 1: Boris Preckwitz

Ein großer Aufschrei ging durch die Slam-Szene, als kurz vor den Meisterschaften 2012 ein Artikel auftauchte, der für viel Unmut sorgte.Damals erklärte Boris Preckwitz in der Süddeutschen, warum Poetry Slams aus seiner Sicht längst zum publikumsaffinen Mainstreamevent geworden sind.

 

Viel wurde darüber diskutiert, doch leider niemals öffentlich. Um genau dies zu ermöglichen, haben wir Boris Preckwitz gefragt, ob er uns eine aktualisierte Sicht auf die deutschsprachige Poetry Slam-Szene geben würde, der im Anschluss eine Diskussion durch bekannte Slammer/-innen und Autor/-innen folgen soll. Vom 20. bis 24. Oktober, d.h. genau eine Woche vor dem SLAM 2014 erscheint deshalb jetzt unsere kleine Diskussionsreihe zum Thema Poetry Slam.

 

Wir bedanken uns schon vorab für die tollen Beiträge von Sebastian 23, Lino Wirag, Hazel Brugger, Lars Ruppel und beginnen mit einem Text von Boris Preckwitz:

 

Das Kinderbacchanal und der Kitsch

 

Ein National Poetry Slam in Dresden – einer der maßgeblichen Literaturstädte Deutschlands! Sollte es dem Slam nicht gelingen, in dieser kunstsinnigen Stadt wenigstens in Sichtweite der Literatur zu gelangen, dann wird er es auch an keinem anderen Ort schaffen. Wenn es um Kunst geht, geht kritische Klasse immer vor unkritischer Masse. Der literarische Maßstab ist das Maß aller Texte, die sich auf ein literarisches Feld begeben.

 

In Dresden schrieb Friedrich Schiller sein Drama „Don Karlos“ und Heinrich von Kleist die „Hermannsschlacht“, Adam Müller hielt hier seine „Vorlesungen über die deutsche Wissenschaft und Literatur“. Eine Kernstadt der heimischen Kultur ist Dresden – und seit je eine Stadt für Lyriker. Geburtsstadt von Theodor Körner, Karl Mickel, Volker Braun und Thomas Rosenlöcher. Nicht zu vergessen die immer noch zu entdeckende „Expressionistische Arbeitsgemeinschaft Dresden“ mit Lyrikern wie Walter Rheiner oder Bess Brenck-Kalischer. Auch der Weltliteratur hat sich Dresden eingeschrieben: Fjodor Dostojewski begann an der Elbe den gewaltigen, vom 19. ins 20. Jahrhundert voraus weisenden Roman „Die Dämonen“, und Kurt Vonnegut verarbeitet seine Erlebnisse als Kriegsgefangener US-Soldat während der Bombardierung Dresdens in seinem weltbekannten Roman „Schlachthof 5“. Es ist ein besonderer kultureller Geist in der Stadt, und drei Bücher helfen, schnell Bekanntschaft damit zu schließen: Kulturwissenschaftlern sei das Buch „Dresdner Romantik“ von Theodore Ziolkowski empfohlen, Lyrikern der Gedichtband „Porzellan“ von Durs Grünbein und Prosaautoren das Buch „Die Schwebebahn“ von Uwe Tellkamp. Die letztgenannten Bücher sind ganz große Kunst.

 

Was kann der Slam dagegen auf die Waage bringen? Im Grünen Gewölbe des Dresdener Schlosses findet sich eine kunsthandwerkliche Barockminiatur mit der Beschreibung „seria nescit turba minuta“ – Der kleine Haufen kennt keinen Ernst. Auch genannt: Das Kinderbacchanal. Im Zentrum der grotesken Plastik versucht ein Kind mit heruntergelassener Hose auf einen Ziegenbock zu klettern – ganz so muss man sich Slammer beim Gerangel um den Slam-Thron vorstellen.

 

Nochmal gefragt: Welche der heute in der Szene tourenden Slammer – einige machen dies seit zehn, zwanzig Jahren – sind denn ernst zu nehmende Stimmen der deutschen Gegenwartslyrik geworden? Es gibt keine. In den USA, wo sich im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts wohl zigtausende Gelegenheitsschreiber zum Auftreten berufen fühlten, ist das Ergebnis kaum anders. Ein gescheitertes Format?

 

Was im Genre der Bühnentexte schief läuft lässt, zeigen viele jener performativen Sprech-Texte, die neuerdings gerne „Slam-Poesie“ genannt werden. Von „Liebeserklärung an eine Chinesin“ bis „Eines Tages, Baby“, vom „Traum der Raupe“ bis zum „Kleinen ABC der Träume“, von „Und es war ein Tag“ bis zu „Ossis, Assis, Asylanten“ – das Gemeinsame all dieser und unzähliger anderer Texte ist ihre Kitschhaftigkeit. Mal anbiedernd, mal imitierend, fast immer selbstbezüglich oder unecht. Gelegentlich aufgeführt als große Show, aber keine wirkliche Vielfalt von Texten sondern nur Varianten von Talmi. Man prüfe die Texte auf Kitsch:

 

Kitsch suhlt sich im Sentimentalen, ist das ABC des Unterhaltungsspießertums.
Kitsch ist Zitatzustand statt eigentlicher Kunst.
Kitsch ist Produktionsmechanik für Massenkonsumierbarkeit (Serialität, Pointenausstoß)
Kitsch ist eindeutig statt vieldeutig, ist stereotyp, schematisch, klischeehaft.
Kitsch ist der erwartungsgemäße Gag, der flach gezeichnete Charakter.
Kitsch sind Künstlernamen.
Kitsch ist der performative Selbstverweis ohne dass eine Persönlichkeit dahinter steht.
Kitsch ist der Stil, der den Zustand seines affektiven Erlebens vorgibt.
Kitsch ist die kreisende Rille, die minutenlang dieselbe Idee von sich gibt.
Kitsch ist das Selbstfindungs-Gehn-unsern-Weg-Gedöns.
Kitsch ist alles, was infantilisiert.
Kitsch tut unschuldig, während er den Konsumenten für dumm verkauft.
Kitsch ist mechanisierter Sprechtext, der eine einförmige Wahrnehmungsweise und einen Automatismus in den Reaktionen des Empfängers erzeugt: Vortrags-Stakkato, Rap und Beatbox strukturell kitschig.
Kitsch ist die Ironisierung des eh schon Abgeschmackten. Bloßes Parodieren.
Kitsch sind: Gesangseinlagen, Mitklatschen, Mitmach-Texte fürs Publikum.
Kitsch ist der „an Kitschobjekten aktivierte Selbstgenuß“ (Ludwig Griesz)
Kitsch ist die Vortäuschung von Werthaltigkeit.
Kitsch bildet sich in den Gesichtern der Zuschauer ab.
Kitsch ist die 10,0.
Kitsch sind die Wortspiele in Titeln und Texten.
Kitsch ist das aufgesetzte Grinsen hinterm Mikro.
Kitsch kann gerade noch „liken“, aber hat keine Kennerschaft für das Meisterhafte.
Kitsch ist das „Vordieseln“ – minutenlange Vorreden ohne die geringste literarische Bedeutung.
Kitsch ist gestreckter Text, um über fünf oder zehn Minuten zu kommen.
Kitsch ist das „Nachdieseln“ – bedeutungsschwangere Stimme, Verlangsamung: hörthört – die Moral von der Geschicht.
Kitsch ist, wenn Reim und Klang den Text übertünchen. Die 4-5-6-fachen Reime sind der hilflose Griff nach der nächstliegenden Dekoration.
Kitsch ist „eine sekundäre Imitation der primären Bildkraft der Künste“ (Walter Killy)
Kitsch sind der Kurzsatzstil und der Minimalwortschatz.
Kitsch sucht die Billigung des Publikums auf eine Weise, die sich billig macht.
Kitsch ist süßlich privatistisch – hier die ironisch geschützt simple Innerlichkeit, draußen die ach-so-unübersichtliche-Welt.
Kitsch ist selbstgefällig, will durch Inszenierung, statt durch Inhalt wirken.
Kitsch sind Texte, die nicht über die erste Person hinaus denken.
Kitsch ist, sich auf sein Kitschsein etwas einzubilden.
Kitsch sind Nippesfiguren auf der Bühne: Strickmützchen, Riesenwindeln, Nerdbrillen, Dutts wie Omi, Fressen voller Metallmitesser.
Kitsch ist „Prollfutter“ (George Orwell).
Kitsch ist: Mainstreaming. Politkitsch für Struppis, Känguruhs und die Schnuffelhasen von der „Juhu“-Hochschulgruppe.
Kitsch ist: etwas Uneigentliches als Eigentliches auszugeben. Dagegen: Kunst – macht aus dem Eigentlichen etwas Uneigentliches. (Siehe Dix-Triptychon im Dresdner Albertinum).

 

Die Zeit, in der sich der Slam aus der Literatur verabschiedete, lässt sich auf die Jahre 2004/2005 ansetzen. Was danach geschah, ist ein Zusammenwirken verschiedener Entwicklungen, die für das Wachstum der Szene förderlich, dem literarischen Ergebnis aber eher abträglich waren:

 

  1. Prosa und Comedy – wurden für die Szene prägend. Mit der dadurch verursachten Randständigkeit der Lyrik, verlor das Format einen entscheidenden Teil seiner Kunstfertigkeit. Auch ist der Ausblick für die Zukunft ist eher negativ, denn interessante Nachwuchslyriker schließen diese Bühne inzwischen für sich aus. Slam entwickelte sich zur literaturfreien Zone.
  2. U-20-Slams: 2005 wäre es wichtig gewesen, zehn Jahre in die Zukunft zu springen, stattdessen entwickelte sich die Szene zehn Jahre zurück. Diese Retardierung gegenüber der Gegenwartsliteratur prägt die gegenwärtige Slam-Generation. Willkommen in der Unterstufe.
  3. Soziokultur – mit dem Übertritt in „geregelte Räume“ der Jugendpädagogik und der jugendpolitischen Projekte geriet das Format in den Bann sozialer Befürsorgung. Ausblick: Diesen Räumen fehlt die anarchische Entgrenzung, die aggressive Konfrontation, aus der neue Kunst entstehen kann. Aber Slam? Betreutes Schreiben.
  4. Medialisierung – Clips, Youtube, Facebook-Profile, Webseiten, Portale, Blogs fördern die Verbreitung mittelmäßiger Texte. Das digital gepimpte Abbild tut so, als stünde sein schlichtes Vorhandensein schon für eine Leistung und lockt die Kopisten. Kein einziges dieser Medien hat sich zu einem Kunstmedium eigener Art entwickelt.
  5. Bildungsferne – Slam-Workshops mit ihrem Do-it-yourself-Ansatz vermitteln wenig, vor allem aber keine Bildung. Wirkung: Der Irrglaube, dass Performance schon so etwas die Kompetenz mit sich bringe. Als ob die Werke der Weltliteratur durch das Abarbeiten irgendwelcher How-to-do-Listen entstanden wären! Als ob die in vielen Schuljahren und mit Hilfe lascher Bildungspolitik erbummelten Bildungsdefizite durch ein paar Stunden Lyrik- Workshop zu kompensieren seien! Von „Dozenten“, die keinerlei Reputation als Autoren haben, geschweige denn Kenntnisse von Literaturwissenschaft, geschweige denn eine Ahnung von der Geistigkeit und Überzeitlichkeit der deutschen Kultur.
  6. Großveranstaltungen – vermutlich der entscheidende strukturelle Konstruktionsfehler des Slam, denn die Ausschaltung kritischer Vernunft, wird noch einmal gesteigert. Texte werden kalkuliert auf die Übereinstimmung zwischen Vortragendem und Massenpublikum. Schlimmer noch: das Publikum verinnerlicht eine bestimmte Erlebnisgewohnheit, die wiederum entsprechende Texte nach sich zieht. Wie sagte ein bekannter Humorist mit Blick auf das Massenpublikum? „Lachen ohne Anlass ist pure Dämlichkeit.“

 

Das Paradoxe am Slam ist, dass er den Anfängern eine kurze, steile Lernkurve erlaubt, die dann allerdings ebenso plötzlich wieder stagniert. Traurig machen all die kurz aufgeglühten und rasch erloschenen Begabungen, all die Talente, die sich zur bloßen Bühnenbelustigung herabließen. Manche Autoren machen nach zwanzig Jahren noch immer dasselbe wie am ersten Tag. Sie leben von einer Bedeutung, die sie sich der Literatur entlehnen, aber selbst nicht einlösen. Befremdend an dem Schauspiel ist, dass die Menschen, die es betreiben und genießen, ja nicht einmal aus einer bildungsfernen Schicht stammen – es sind zumeist Menschen mit Hochschulreife und Studienabschlüssen. Dennoch reicht ihnen die performative Eintags- und Einwegkultur, der Pop, das Ephemere. Offensichtlich ist Halbwissen eben nicht Bildung – die Fähigkeit, Kultur aus ihrer Kontinuität von Jahrhunderten und Jahrtausenden heraus zu verstehen und weiterzudenken.

 

Sicher, manches beim Slam ist pfiffiger angelegt, als das Altbackene, das man gelegentlich in der „Frankfurter Anthologie“ der FAZ, noch öfter in der Literaturzeitschrift „Akzente“ sowie grundsätzlich im Lyrikkasten der ZEIT lesen kann. Das dichterische Jugendwerk eines Goethe ist auch nicht wesentlich geistreicher (wenngleich auf das Wesentliche konzentriert). Immerhin kann man dem Slam zugute halten, dass in ihm eine burleske, fastnachtsspielerische U-Kultur wiederkehrt, wie sie im Mittelalter blühte – als fröhliche Gaukelei und Ulenspegelei, im günstigsten Fall als Wiederkehr einer volkstümlichen Vagabundenlyrik und Spielmannsepik wie sie abgebrochene Studiosi im 12. Jahrhundert von sich gaben.

 

Die Dichtung, die auf Slams vorgetragen wird, erinnert gelegentlich an jene Sturmund- Drang-Ästhetik die Gottfried August Bürger in seinen Abhandlungen „Herzensausguß über Volks-Poesie“ (1776) und „Von der Popularität der Poesie“ (1784) vorstellte. Gegen Bürgers Position von Volksdichtung als Mittel der Volksbildung hat sich Friedrich Schiller mit seiner kritischen Rezension „Über Bürgers Gedichte“ (1791) gestellt. Auch wenn man Schillers Konzept einer „Idealisierkunst“ nicht folgen mag, und Georg Büchner hat sich beispielsweise darüber lustig gemacht, obwohl sie ebenfalls auf die politische Mündigkeit von Bürgern abzielte, so bleibt doch Schillers Einschätzung bedenkenswert, dass Popularität als eine zunächst zweitrangige Eigenschaft von Dichtung gesehen werden muss. Noch ebenso aktuell klingt seine Abwägung zwischen Unterhaltung und Bildungserziehung: „Ein Volksdichter für unsere Zeiten hätte also bloß zwischen dem Allerleichtesten und dem Allerschweresten die Wahl: entweder sich ausschließlich der Fassungskraft des großen Haufens zu bequemen und auf den Beifall der gebildeten Klasse Verzicht zu tun – oder den ungeheuren Abstand, der zwischen beiden sich befindet, durch die Größe seiner Kunst aufzuheben und beide Zwecke vereinigt zu verfolgen.“

 

Wenn es eine literarische Szene nicht schafft, binnen zehn oder zwanzig Jahren staunenswerte Werke hervorzubringen, sondern ihre Zeit damit vertut, der „Fassungskraft des großen Haufens“ über die Dörfer hinterher zu laufen, sollte man auch die Erwartung für die nächsten Jahre nicht allzu hoch hängen. Es ist ja so: wo der Wille zum Kunstschaffen und seinen Härten und Zumutungen fehlt, da entsteht auch keine Kunst.

 

Es liegt (wie immer, wenn Projekte versanden) an Strukturen und Menschen. Und der Slam existiert überhaupt nur aufgrund bestimmter Strukturen und Menschen, bei denen Veränderungen nicht unbedingt zu erwarten sind. Weiteres bitte ich dem Text „Zieht ein Slam nach Irgendwo“ aus meinem Buch „Kampfansage“ zu entnehmen. Der Essay ist die Langfassung eines Artikels, der 2012 in der Süddeutschen Zeitung erschien.

 

Boris Preckwitz

 

Boris Preckwitz, Dresdner Stadtschreiber 2014. Im Oktober 2014 erscheint im Verlagshaus J. Frank seine Nachdichtung von Wladimir Majakowskis Langgedicht „Der fliegende Proletarier“ als kommentierte Erstübersetzung aus dem Russischen ins Deutsche. Davor erschien sein Band „Kampfansage“ (Allitera Verlag, 2013) mit politischer Lyrik und literarischen Essays.

 

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Gepostet am
Von André Herrmann